Mémoires rustiques

Interaktive Arbeit mit Kühen | Videoprojektion, unterschiedliche Längen | 1996 - 2000

Es gibt Zeiten, Momente, wo die Aussage «Tell hat existiert» wie Balsam auf rissier Haut wirkt. Mir der eigentlichen Legende um Wilhelm Tell tun wir uns eher schwer. Sie ist voller Unklarheit, vage und unsicher; ihr Darstellung ist jedoch wohlbekannt: Tell als beschützender Familienvater, Verteidiger des Vaterlandes, Kämpfer für die Rechte der Schwachen und Unterdrückten, stolze Verkörperung der Freiheit. Dank seiner Polyvalenz wird er sowohl für als auch gegen das gleiche Thema erfolgreich eingesetzt. Die meisten Tell-Monumente wurden im 19. Jahrhundert ausgeführt, in einer Zeit des aufkommenden Nationalbewusstseins. Der in Bronze gegossene Tell manifestiert zweifellos seine Existenz und unverrückbare Sicherheit. Er lässt an sich als Held glauben.

In der Videoprojektion werden verschiedene, in der Geschichte nachweisbare Tell-Repräsentationen von Kühen weggeschleckt; ein Vorgang vom Sicheren zum Vagen, zur Möglichkeit. Rein technisch gesehen hat eine Projektion schon mit dem Hervorrufen von Bildern zu tun und öffnet durch das geworfene, beziehunsweise reflektierte Bild einen neuen, imaginären (Denk-)Raum, weniger sicher und weniger dauerhaft als ein Monument. Ein Raum durch Zeit.
Die Grossprojektion bekommt das bewegte Bild der leckenden Kuhmäuler zusätzlich sinnliche Qualität. Diese wachsen durch die filmische Nahsicht zu monströsen Ungetümen an. Das Wegschlecken der Salzsilhouetten der Tellfiguren erinnert an aufweichende Verkrustung. Auf der Tonebene sind am Anfang und im Abspann Ausschnitte von Viehversteigerungen zu hören. Existenzfragen, Wandlung, Auflösung auch hier.